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Textwerkstatt Medizin, Wissenschaft & Technik - In Wort und Bild
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Schottland, 1992 – ein Reisetagebuch...
Das Land, das Rad, der Zug, das Bett, das Frühstück und ihre Liebhaber

Dienstag, 21.07.1992

Relativ kurzfristig hatten wir (das heißt meine ständige Begleiterin und ich - der Autor dieser denkwürdigen Zeilen) uns entschlossen den diesjährigen Sommerurlaub in Schottland zu verbringen - und zwar zeitgemäß mit dem Bike (neudeutsch für „Fahrrad“). Die erste Station sollte unseren kulturellen Gusto befriedigen und Edinburgh heißen. Die Buchung des Fluges und die Frage des Biketransportes waren kein Problem - allerdings eine Bed & Breakfast Unterkunft in dieser Stadt zu buchen stellte sich als schwierig heraus, war schließlich aber doch möglich. Gut ausgerüstet und wohlgemut ob unserer hervorragenden Organisation radelten wir an unserem ersten Urlaubstag leicht bekleidet bei brütender Hitze in Deutschland zum Flughafen - in guter Hoffnung (Videotext sei Dank) in Schottland sei das Wetter ähnlich. British Airways zeigte sich beim Einchecken als sehr entgegenkommend - die Räder wurden kostenlos transportiert, allerdings mit der üblichen Brutalität behandelt. Da damit jedoch zu rechnen war, hatte ich die Rahmenteile in Schaumstoffisolation für Kupferrohre eingepackt, was sich als wirksamer Schutz herausstellte. Nach einem angenehmen Flug bei wolkenfreiem Wetter kamen wir gegen Abend in Edinburgh an. Fix wurden die Räder montiert und bepackt, um mit noch hohem Motivationskoeffizienten zur Princess Street  in die Innenstadt zu radeln und die gebuchte Bed & Breakfast Unterkunft aufzusuchen. Nach einem zügigen Ritt durch die hektische Stadt und einigen unfreiwilligen Suizidversuchen in Form von Geisterfahrten (Gewöhnung an Linksverkehr!), erreichten wir endlich unser Ziel: „Café Royal Guest House“ auf der West Register Street - hinter einer pompös aufgemachten Bar befand sich das gesuchte Haus im klassischen "Bronx-Style" nach New Yorker Vorbild.

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Während Susanne (die ständige Begleiterin) auf die Bikes aufpasste mühte ich mich durch ein spärlich beleuchtetes, in der Farbe angetrockneten Blutes gestrichenes und fensterloses Treppenhaus hinauf, in dem mir ein gut abgehangener Tramp entgegeneilte und mir im Vorbeihuschen zumurmelte: „This is not the place I like to stay - not even awake!“ Nun bin ich ein Mensch, der sich gern selbst ein vollständiges Bild macht und pilgerte tapfer weiter hoch, um des Fremden Statement bestätigt zu finden. Der selbst in einem desolaten Zustand befindliche Wirt versuchte in einer Mischung aus Rumpelkammer und Büro überall verteilte Buchungsunterlagen zu organisieren. Ein Blick in das für uns vorgesehene Zimmer und den zugehörigen Preis (48 DM p. P.!) überzeugten mich schnell meine Füße in die Hand zu nehmen und zu fliehen. Da die Tourist Information um 22:00h bereits geschlossen war, blieb uns nichts anderes übrig, als die Nacht in dem Nobelhotel Roxburghe (90 DM p.P.) zu verbringen. Man stelle sich vor: ein vornehmes britisches Hotel - große Rezeption, edle Teppiche, Edelholzambiente, einem Butler namens James (kein Witz!) und wir in betont lässiger Freizeitkleidung werden aufs höflichste empfangen und bedient. Auf unsere Frage nach dem Verbleib der Räder gibt man uns zu verstehen James kümmere sich darum - und in der Tat werden die Räder auf dem hochflorigen Teppich im Foyer abgestellt! Schließlich verbrachten wir eine äußerst angenehme Nacht in einer sehr schönen Suite mit phantastischem Bad.

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